Aufruf

BILDUNG [S] LOS!

Grenzenlos Bedingungslos auch für Flüchtlinge!
Gleiches Recht auf Schul-, Aus- und Weiterbildung für Flüchtlinge!

Download:  Bildungskampagne_Forderungskatalog (10 Seiten, pdf)

In den 2000er Jahren stellte die Politik überrascht fest, dass Millionen Menschen, die als Arbeitsmigrant_innen (sog. Gastarbeiter) nach Deutschland gekommen waren, auf Dauer bleiben. Ihre gesellschaftliche Teilhabe war bis dato politisch nicht gewollt. Viel zu spät wurde erkannt, dass vor allem Bildung und Teilhabe an die Stelle von (rechtlicher) Diskriminierung und „Rückkehrförderung“ treten müssen. Was mit den Arbeitsmigranten_innen passierte, wiederholt sich gegenwärtig bei den Flüchtlingen: Sie leben größtenteils seit vielen Jahren hier und werden auf Dauer in der BRD bleiben. Dennoch werden ihnen der Zugang zu Bildung, Arbeit und die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben verwehrt. Und dies, obwohl 40.000 Ausbildungsstellen allein im Jahr 2011 unbesetzt blieben. Mit der Kampagne BILDUNG [S] LOS! fordern wir gleiches Recht auf Bildung und gesellschaftliche Teilhabe auch für Flüchtlinge.

In Deutschland leben gegenwärtig rund 170.000 Menschen mit einer Aufenthaltsgestattung, Duldung oder einer sog. Grenzübertrittsbescheinigung, unter ihnen 47.000 Kinder und Heranwachsende. Für diese Personen gibt es aufgrund ihres Aufenthaltsstatus verschiedene Bildungshürden, die bis zu völligen Ausbildungs- und Studienverboten reichen können. Diese Menschen werden nicht nur von der Sprachkursförderung, Berufsausbildungsbeihilfe (BAB) und BAföG ausgeschlossen, sondern unterliegen auch anderen indirekten Diskriminierungen. So ist durch Wohnsitzauflagen und die Residenzpflicht der räumliche Zugang zu Bildungseinrichtungen erschwert oder komplett verhindert. Der unsichere Aufenthaltsstatus wirkt oft wie ein faktisches Ausbildungsverbot, da viele Arbeitgeber keinen Azubi nehmen, der nur eine Duldung besitzt.

Qawa
„Das ist kein Leben, immer nur zu Hause zu sein. Der Staat musste für mich zahlen, dabei hätte ich mich gerne selber finanziert.“

Qawa Mohamed war zehn Jahre alt, als seine Familie mit ihm 1996 aus Syrien nach Deutschland fliehen musste. Als syrische Kurden wurden sie vom Regime von Bashar al-Assad verfolgt. Zunächst lief es gut für Qawa: Er konnte die Schule besuchen und schaffte im Jahr 2003 seinen Hauptschulabschluss. Aufgrund seiner guten Noten fand er direkt im Anschluss eine Ausbildungsstelle als KFZ-Mechaniker. Dann begannen die Probleme: Die Mohameds wurden in Deutschland nur geduldet. Qawa erhielt wie seine Eltern ein Arbeitsverbot, damit durfte er die Ausbildung nicht anfangen. Eine Zeit des Wartens begann: Von 2003 bis 2011, acht Jahre lang, war er zur Untätigkeit gezwungen, während seine Freunde ihren Ausbildungen nachgingen und ihr eigenes Geld verdienten. Erst heute kann Qawa seinen Bildungsweg fortsetzen.

 

Auch die soziale und räumliche Isolation vieler Flüchtlinge steht dem Bildungserfolg entgegen. Über soziale Kontakte wird Deutsch viel schneller gelernt und die Ausbildungsplatzsuche wird enorm erleichtert, denn ca. 50% der Ausbildungsplätze werden über Freunde und Bekannte gefunden. Leben Flüchtlinge isoliert in abgeschiedenen Flüchtlingslagern, haben sie kaum eine Chance zur gesellschaftlichen Teilhabe. Es teilen sich meist 3-4 Personen ein einziges Zimmer. Aufgrund der Enge, der Armut und der Scham für die Wohnsituation laden Kinder oft ihre Freunde nicht ein. Vereinsbeiträge oder Kosten für Musikunterricht können sie sich nicht leisten.

 

Abdul Karim
„In dem Lager kannst du nichts machen – nur schlafen und essen. Dabei dachte ich, in Deutschland kann ich endlich zur Schule gehen“

Abdul Karim kam im Sommer 2008 als achtzehnjähriger Flüchtling aus Sierra Leone ohne Eltern nach Deutschland. Sein Wunsch: endlich ein Leben in Sicherheit führen, zur Schule gehen, Deutsch lernen und eine Ausbildung abschließen. Stattdessen kam er in ein Holzbarackenlager im Industriegebiet der Kleinstadt Schongau – ein Leben in Isolation und Enge. Ein Schulbesuch war unmöglich, da er zu alt dafür war. Auch ein Sprachkurs wurde nicht gewährt, da er, wie viele Flüchtlinge, keinen Anspruch auf Integrationsförderung hat.

 

Für Flüchtlinge scheitern Studium, Aus- und Weiterbildung häufig an den dargestellten Barrieren, auch die Fortsetzung des durch die Flucht unterbrochenen Bildungsweges wird massiv erschwert. Wir sagen: Die Geschichte der Arbeitsmigrant_innen darf sich bei den Flüchtlingen nicht wiederholen, es muss jetzt gehandelt werden.

Mit der Kampagne BILDUNG [S] LOS! fordern wir „Jugendliche Ohne Grenzen“ sowie unsere Bündnispartner_innen und Unterstützer_innen:

  • Ein Recht auf kostenlose Sprachförderung für Alle von Anfang an, denn Deutschkenntnisse sind zentral für Teilhabe- und Weiterbildungschancen
  • Das Recht, einen Schulabschluss nachzuholen, denn nur mit einem Schulabschluss gibt es eine Perspektive auf Ausbildung und Erwerbsarbeit
  • Die Abschaffung von Studien-, Arbeits- und Ausbildungsverboten
  • Einen Anspruch auf Ausbildungsförderung wie BAB und BAföG von Anfang an!
  • Das Ende der Bildungshindernisse durch Beschränkung der Bewegungsfreiheit! – Schluss mit Wohnsitzauflagen und Residenzpflicht
  • Die Abschaffung des Asylbewerberleistungsgesetzes, denn wer gezwungen ist in Flüchtlingslagern unterhalb des Existenzminimums zu wohnen, lebt in Enge und Isolation – Lernen oder Kontakte knüpfen ist kaum möglich
  • Ein gleichberechtigter Anspruch auf Bildung und Förderung auch für Menschen ohne gültige Aufenthaltspapiere, denn Bildung ist ein Menschrecht
  • Eine Schule ohne Segregation und kostenlose Bildung für Alle!

Download:  Bildungskampagne_Forderungskatalog (10 Seiten, pdf)

 

Die Kampagne der Jugendlichen ohne Grenzen wird unterstützt von:

Bundesfachverband für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge (BUMF), GRIPS Theater, PRO ASYL, Institut für Soziale Infrastruktur (ISIS), WEGE ins Leben (BBZ), Grüne Jugend, Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Flüchtlingsräte: Bayern, Berlin Niedersachsen, Hessen, Nordrhein Westfallen, Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Bremen, Ausländerreferat der Humboldt Universität Berlin, Allmende e.V. (Haus al
ternativer Migrationspolitik Berlin), Amaro Foro e.V., Afrika-Initiative, Flüchtlingsinitiative Berlin-Brandenburg (Fib), YXK – Verband der Studierenden aus Kurdistan, Jusos-Bund, AsTA Technische Universität Berlin, AWO Bundesverband, Initiative Grenzen-Los (Theater für Frieden) Migrationsrat Berlin-Brandenburg, Gemeinnützige Gesellschaft
zur Unterstützung Asylsuchender e. V. (GGUA), Arbeitskreis kritische Soziale Arbeit-München, Verein iranischer Flüchtlinge in Berlin, Verein zur Förderung der Flüchtlingsarbeit in Hagen e.V., Kurdistans Studenten & Jugend in Deutschland e.V., Dt. Pfadfinderschaft St. Georg.

 

4 Antworten zu “Aufruf

  1. Gudrun Dittmeyer

    Für ein menschliches Miteinander in Deutschland, Bildung für jeden einzelnen, der hier ist und gegen ein menschenunwürdiges Verpflichten zum Nichtstun. Nutzen wir das Potential, das in allen Menschen steckt. Nutzen wir ihre vielleicht andere Perspektive auf die Dinge. Lernen wir von anderen und lassen andere an unseren Bildungs- und Lerninstitutionen teilhaben. Kommen wir gemeinsam vorwärts und lassen wir alle teilnehmen, die da sind.

  2. eine gesellschaft ist nur so gut wie ihre bildung – das gilt für alle in einem land lebenden menschen!

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